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Volkslieder als Therapie bei Demenzerkrankungen (Alzheimer)
Wiebke Hoogklimmer - Altstimme


Wir sind durch Deutschland gefahren


Wir sind durch Deutschland gefahren,
Vom Meer bis zum Alpenschnee,
Wir haben noch Wind in den Haaren,
Den Wind von Bergen und Seen,
Wir haben noch Wind in den Haaren,
Den Wind von Bergen und Seen.

In den Ohren das Brausen vom Strome,
Der Wälder raunender Sang,
Das Geläut von den Glocken der Dome,
Der Felder Lerchengesang,
Das Geläut von den Glocken der Dome,
Der Felder Lerchengesang.

In den Augen das Leuchten der Sterne,
Das Flimmern der Heidsonnenglut.
Und tief in der Seele das Ferne,
Das Sehnen das nimmermehr ruht,
Und tief in der Seele das Ferne,
Das Sehnen das nimmermehr ruht.

Und du, Kamerad, mir zur Seite,
So fahren wir durch das Land,
Wir fahren die Läng und die Breite
Durch Regen und Sonnenbrand,
Wir fahren die Läng und die Breite
Durch Regen und Sonnenbrand.

oder:

So sind wir durch Deutschland gefahren,
Vom Meer bis zum Alpenschnee,
Wir werden noch weiter fahren,
Um neue Lande zu sehn,
Wir werden noch weiter fahren,
Um neue Lande zu sehn!


Text und Melodie: aus der Zeit der Jugendbewegung um 1930, eventuell von Walter Gättke (1896-1967)


Ein ausführlicher Text zur Entstehungsgeschichte von Wolfgang Lindner: "Jugendbewegung als Äußerung lebensideologischer Mentalität - Die mentalitätsgeschichtlichen Präferenzen der deutschen Jugendbewegung im Spiegel ihrer Liedertexte" - Schriften zur Kulturwissenschaft, Hamburg 2003
http://www.verlagdrkovac.de/volltexte/0886/ 4._Das_jugendbewegte_Lied_in_seiner_Kommunikationssituation.pdf


2.2.3 Genuine Lieder der Jugendbewegung

Wer Lieder als melodisch-textliche Ganzheit aus der Jugendbewegung und für sie produzierte, könnte mit einem später aufgetauchten Wort als ‘Liedermacher’ bezeichnet werden. Ihre Texte sind mehr Fabrikation als Konfession, freilich nicht primär mit kommerziellem Interesse, im Gegenteil: Führende Persönlichkeiten der Jugendbewegung reagierten mit ihren Liedern auf ein mentales Bedürfnis, und sie konstituierten wiederum Mentalität, meist in Verbindung mit jugendbewegten Verlagen wie Voggenreiter, Bärenreiter, Kallmeyer, Sauerland-Verlag, Wolff-Verlag, die man bestimmten Richtungen zuordnen konnte (Voggenreiter war Neu-Pfadfinder, Bärenreiter "Finkensteiner" W. Hensels); die meisten von ihnen konnten unter dem NS-Regime "überwintern", indem sie entsprechende Zugeständnisse machten. Bei den authentisch jugendbewegten Liedern kam also der Vermittlungsinstanz für die Verbreitung bzw. Popularisierung eine gewisse Bedeutung zu, es spricht jedoch für eine relativ homogene Mentalstruktur der Jugendbewegung in den 20er-Jahren bis 1933 bzw in Österreich bis 1938, dass etliche dieser Lieder in fast allen Gruppierungen Verbreitung fanden. Die bekanntesten Lieblingslieder, die heute noch ‘jeder’ kennt, entstanden im ziemlich kurzen Zeitraum von etwa 1925 bis 1933, die meisten von ihnen sogar um 1930. Eine zweite Jugendlichkeitswelle, begleitet von großem Zulauf zu sämtlichen Bünden, hatte einen verstärkten Bedarf nach geeigneten Liedern (z.B. Landsknechtsliedern) ausgelöst, was wieder auf den Widerstand der Jugendmusikbewegung stieß. Das Liederbuch der damals mitgliederstärksten "Bündigung", der Deutschen Freischar, weist auf eine Umfrage unter Mitgliedern hin, die eine Vorliebe für das "Marsch-, Soldaten- und Landsknechtslied im bündischen Singen"(141) konstatiert. Unter dem Einfluss des jugendmusik-bewegten Georg Götsch versucht das Liederbuch, gegen diese Tendenz anzugehen, übrigens auch gegen national-patriotische Tendenzen, indem es Nationalhymnen von Europa und Nordamerika abdruckt, was damals innerhalb der Jugendbewegung, aber auch in der Öffentlichkeit einen regelrechten Skandal auslöste(142).

(141) "Lieder d. bünd. Jugend", Hg. u. Vorw.: Theodor Warner, Voggenreiter-Vlg., 1929
(142) vgl. W. Laqueur 1962/83: Die dt. Jugendbewegung, S. 149

Die ‘Liedermacher’ selbst müssen weit weniger bekannt gewesen sein als viele ihrer Hervorbringungen. Nicht immer werden sie in den Liederbüchern genannt, und in Liedersammlungen der Nachkriegszeit werden die Urheber nicht immer angegeben ("Aus der bündischen Jugend"). Mir, als Verfasser dieser Untersuchung, obwohl in den 50er-Jahren selbst "Stammes-Musikwart" der St. Georgspfadfinder, war seinerzeit kaum ein Verfassername geläufig. Daraus darf man wohl schließen, dass im Fall dieser speziell bündischen Lieder das Beziehungsinteresse der Singer gering, das Interesse an der Sache ‘Lied’ jedoch recht bedeutend war, also an der typisch bündischen Mentalität. Etliche Lieder stammen von Robert Götz, der das schwermütige Söldnermilieu liebte:

"Wir ziehen über die Straße [...] Voran der Trommelbube [...]
er weiß noch nichts von Liebe, weiß nicht, wie` s Scheiden tut [...]."

oder das schon genannte "Es klappert der Huf am Stege", in dem "die Sehnsucht totgeritten" wird. Auch Münchhausens (homoerotische?) Herz-Schmerz-Ballade "Jenseits des Tales..." hat in Götz einen kongenialen Vertoner gefunden.

Fritz Sotke gab schon 1923 sein "Rüpelliederbuch" heraus, in dem er alte Lieder aufbereitet oder neu komponiert hat. Der Titel ist Programm und zeigt den beginnenden Paradigmenwechsel in der Entwicklung der Jugendbewegung an: "Wilde Gesellen, vom Sturmwind durchweht, Fürsten in Lumpen und Loden...", ein Programmlied, das eine gründliche Analyse rechtfertigt (vgl. II/3.1.2.2). "Wir sind des Geyers schwarzer Haufen" - im Bauernkrieg – ebenso wie "Die Glocken", die "vom Bernwardsturm stürmen" (allerdings ein Münchhausen-Text mit Bearbeitung einer Melodie von H. Wendelmuth). Bei Sotke findet sich auch das schon genannte Lied "Der Tod von Flandern", dessen Melodie er nachschöpferisch komponiert hat. Sotke hat sich später mit dem NS-Faschismus arrangiert, wie auch andere ‘Liedermacher’. In "Musikblätter der Hitler-Jugend" des Kallmeyer-Verlags findet sich das Hitler- Preislied "Ein Herzschlag und ein Schritt", in dem Sotke schwärmt:

"Geht vor ihnen (vor dem "Arbeiterheer") ein Führer her, bricht zur Freiheit die Bahn.
Brausend ein Rufen überall: Hitler führt uns an!" (vgl. II/5.3.2.2)

Ausnutzung der o.g. pubertären Persönlichkeits-Fixierung! Allerdings ist die Melodie in düster-schicksalhaftem E-moll gehalten, was zur Aussage passt: "...müssen alle mit", ob sie wollen oder nicht. Hat Sotke das Verhängnis geahnt?

Alfred Ziesche hat u.a. den bündischen ‘Superhit’ geschaffen: "Wenn die bunten Fahnen wehen", ein von der Jugendmusik-Bewegung bekriteltes herrlich pubertäres "Radau-Lied".
Jürgen Riel ist der Autor von "Kameraden, wir marschieren, wollen fremdes (!) Land durchspüren, wollen fremde (!) Sterne seh` n...", und auch "fremde Meere" und "fremde Welten...". Dies war Programm u.a. bei der "deutschen jungenschaft 1.11." des "Tusk": europäischer Internationalismus (in "Spur", 1932).

Und dann der bündische Verfasser aus der Arbeiterjugend-Bewegung, Walter Gättke, dessen Lieder jugendbewegtes Allgemeingut wurden! Zwei eigene Liederbücher legte er vor: "Von fröhlichen Fahrten" und "10 Landsknechtsweisen"; mit Sozialismus hat dies alles herzlich wenig zu tun, mit bündischer Mentalität um so mehr:

"Wir sind durch Deutschland gefahren [...] Wir werden noch weiter fahren, um deutsche Lande zu seh` n".

Das Liederbuch "Kein schöner Land" der österreichischen AV-Jugend, vor 1960, hat das Lied übernommen – mit einer kleinen Änderung: statt durch "Deutschland" wird nun durch die "Welt" gefahren. "Und wenn wir marschieren, dann leuchtet ein Licht" – in jedem Jugendbund. "Trum, trum, trum, trum, trum, die Landsknecht zieh` n im Land herum – auch noch im "Singkamerad" von 1935, "herausgegeben von der Reichsamtsleitung des nationalsozialistischen Lehrerbundes". Walter Gättke hat ausgerechnet im koedukativen Arbeiterjugend-Liederbuch ein ausgesprochen maskulinistisches Zeitgeist-Lied veröffentlicht, das die typischen Jungenbünde natürlich gerne übernahmen:

"Blonde und braune Buben passen nicht in die Stuben..
Buben gehören ins Leben hinein [...]Mädchen, die müssen sich ducken[...]
Mädchen, die sind ja zum Warten bestimmt, bis so ein Lausbub ein Mädel sich nimmt [...]";

das war deutlich. Das bündische Programm-Lied, "Die grauen Nebel hat das Licht durchdrungen", stammt von einem anonymen Verfasser aus der "d.j. 1.11."; sollte Eberhard Koebel selbst der Urheber sein? Denkbar wäre es, wenn man den elitären Anspruch herausgreift:

"Sie lassen alles in der Tiefe liegen, bringen nur sich selbst hinauf zum Licht".

Da fallen einem Namen ein, wie Nietzsche oder George, dabei ist Koebel später zum Kommunismus konvertiert.

Einen Sonderfall stellt noch das Tandem Jürgen Brand und Michael Englert dar, beide aus der Arbeiterjugend. Brand hat die Texte, Englert die Melodien geliefert (auch für andere Lieder). Als bedeutendste Kreation ging aus dieser Koproduktion hervor:

"Wir sind jung, die Welt ist offen [...] Liegt dort hinter jenem Walde nicht ein fernes, fremdes Land [...]"

Internationale Jugendtreffen waren bei der Arbeiterjugend Tradition; der schon erwähnte zweite Jugendlichkeitstrend hatte auch die ‘linken’Bünde erfasst.

Ein ‘Liedermacher’ bleibt noch zu erwähnen, der ungemein produktiv war, von 1934 bis in die 60er-Jahre hinein. Im österreichischen AV-Jugend-Liederbuch finden sich von ihm nicht weniger als 26 Lieder und im NS-Mädchenliederbuch von 1944 immerhin 10 Lieder. Die Rede ist von Hans Baumann, dem Verfasser von "Es zittern die morschen Knochen [...] denn heute gehört uns Deutschland und morgen die ganze Welt". Dieses Lied hat Zeitgeschichte geschrieben und wird im Verlauf dieser Untersuchung noch genauer behandelt. Im Kontext der jugendbewegten Liederproduktion bleibt aber zu vermerken, dass Baumann aus der katholischen Jugendbewegung stammt (Bund Neudeutschland, aus dem auch der Widerstandskämpfer, Willi Graf, kommt) und als 18-jähriger Gymnasiast vor 1933 das oben erwähnte Lied als Gedicht geschrieben hat. Es vertritt durchaus eine bündische Mentalität, vorausgesetzt, man interpretiert es entsprechend (was so nie geschehen ist). Baumann selbst, bereits hoher HJ-Funktionär, hat eine korrigierende Strophe 1936 angefügt:

"Sie wollen das Lied nicht begreifen [...]
Die Freiheit (!) stund auf in Deutschland, und morgen gehört ihr die Welt."

Eigentlich kein Wunder, dass Baumann nach 1945 keine Schwierigkeiten hatte, ein überaus erfolgreicher Schriftsteller zu werden! Er selbst hat freilich so gut wie keine Auskunft über seine Art der Vergangenheitsbewältigung gegeben.

© 2000-2010, Verlag Dr. Kovač


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